Lehmputz mit PCM: Die Wand, die passiv kühlt und wärmt – ohne Strom

Januar 27, 2026 admin Comments Off

Lehmputz mit PCM: Die Wand, die passiv kühlt und wärmt – ohne Strom

Hitzesommer, hohe Heizpreise, mehr Komfortbedarf – geht das ohne zusätzliche Technik? Ja: Lehmputz mit integrierten Phasenwechselmaterialien (PCM) speichert Wärme als latente Energie und gibt sie zeitversetzt wieder ab. So werden Temperaturspitzen geglättet, die Luftfeuchte reguliert und das Raumklima spürbar beruhigt. In Messungen lassen sich bis zu 3–6 K niedrigere Spitzen an Hitzetagen erreichen – ganz ohne aktive Kühlung.

Was ist PCM-Lehmputz?

PCM (Phase Change Material) sind Mikro­kapseln, die bei einer definierten Temperatur schmelzen und dabei viel Energie aufnehmen. Wird es kühler, verfestigen sie sich und geben diese Energie wieder ab. Kombiniert mit kapillaraktivem Lehm entsteht eine Putzschicht, die Temperatur und Feuchte zugleich puffert.

  • Lehm: diffusionsoffen, feuchteausgleichend, wohngesund.
  • PCM-Mikrokapseln: Paraffin- oder biobasierte Wachse, Schmelzpunkt typisch 22–26 °C.
  • Synergie: Lehm reguliert Feuchte; PCM glättet Temperaturspitzen – das Ergebnis ist passive Behaglichkeit.

Aufbau und Kennwerte

  • Schichtdicke: 10–20 mm (innen, auf mineralischem Untergrund)
  • Dichte Lehmputz: 1 500–1 700 kg m-3
  • PCM-Anteil (Masse): 20–35 %
  • Phasenwechselbereich: 22–26 °C (wohnraumtypisch), Sonderrezepturen 18–22 °C (Schlafzimmer)
  • Latentwärme PCM: 120–180 kJ kg-1 (typisch)
  • Wärmeleitfähigkeit λ: 0,4–0,7 W m-1 K-1
  • Diffusionswiderstand μ: 5–10 (diffusionsoffen)

Speicherkapazität pro m2 (15 mm Schicht):

  • Sensibel (Lehm): ca. 5–7 Wh K-1
  • Latent (PCM): ca. 140–300 Wh innerhalb des Phasenbereichs

Praxiswert: 10 m2 PCM-Lehmputz mit 15 mm liefern ~1,4–3,0 kWh latent – genug, um ein Schlafzimmer an Hitzetagen über die Mittagsstunden spürbar stabil zu halten.

Vorteile in der Praxis

Vorteil Beschreibung Praxisnutzen
Passivkühlung Latentpuffer reduziert Temperaturspitzen Weniger Überhitzungsstunden im Sommer
Energieeffizienz Spitzenlasten verschieben sich in kühlere Nachtstunden Klimagerät oft nicht nötig, Heizspitzen sinken
Feuchtepuffer Lehm bindet & gibt Feuchte ab Konstanteres Raumklima, weniger Schwitzwasser
Wohngesund Mineralisch, emissionsarm, diffusionsoffen Angenehme Luft, gute Akustik
Unsichtbar Funktion in der Wand Kein Gerät, kein Geräusch, keine Wartung

Typische Einsatzorte

Schlafzimmer

Schmelzpunkt 22–24 °C glättet die Abendspitze. In Kombination mit Nachtlüftung bleibt die Matratzenzone trockener und kühler.

Wohnzimmer

Südorientierte Räume profitieren tagsüber. Infrarot-Sonnenwärme wird in der Wand zwischengespeichert und später abgegeben – behaglich ohne Zugluft.

Küche und Bad

Kurze Lastspitzen (Kochen, Duschen) werden gepuffert; Lehm hilft gleichzeitig, Feuchte­spitzen schneller abzubauen.

Fallstudie: Altbau-Schlafzimmer (12 m2) in Berlin

  • Ausführung: 14 m2 Wandfläche, 15 mm PCM-Lehmputz, PCM-Anteil 30 %
  • Sommerwoche (Hitzewelle, AT max 33 °C):
    • Ohne PCM (Referenz): Spitzenwert 28,6 °C, > 26 °C für 9,2 h Tag-1
    • Mit PCM: Spitzenwert 25,9 °C, > 26 °C für 2,8 h Tag-1
    • Reduktion Überhitzung: −70 % Stunden > 26 °C
  • Winter (0–5 °C, sonnig): Nachmittagswärme aus Solar­gewinnen wird bis in den Abend abgegeben; Heizventil-Taktung reduziert sich um ~18 %.
  • Subjektives Urteil: „Weniger stickig, ruhiger Schlaf, Ventilator kaum noch nötig.“

Planung & Dimensionierung

  • Fläche zuerst: 0,6–1,0 m2 PCM-Lehmputz pro m2 Grundfläche als Richtwert (Schlafräume eher mehr).
  • Schmelzpunkt wählen: 22–24 °C für Schlafräume, 24–26 °C für Wohn-/Arbeitsräume.
  • Nachladen: Nachtlüftung oder KWL auf 20–22 °C, damit das PCM wieder erstarrt.
  • Kombinationen: Mit außenliegendem Sonnenschutz und speicherfähigen Böden (Estrich, Holzwerkstoff) steigt der Effekt.
  • Bauteilphysik: Diffusionsoffener Aufbau ohne Dampfsperre auf der warmen Seite; in Nasszonen Spritzwasser vermeiden.

DIY: Nachrüstung von 10 m2 Innenwand

Materialliste

  1. PCM-Lehmputz (Sackware), ca. 18–20 kg m-2 bei 15 mm
  2. Lehm-Vorspritz/Haftgrund für mineralische Altputze
  3. Gewebe (Glasfaser/Flachs) für Risszonen
  4. Edelstahlkelle, Kartätsche, Reibebrett (Schwamm)
  5. Abdeckmaterial, Feuchtemesser, Atem-/Staubschutz

Schritt-für-Schritt

  1. Untergrund prüfen (fest, tragfähig, saugfähig). Farben/Lacke entfernen, Grundierung auftragen.
  2. Putz nach Herstellerangabe anmischen, 10 min reifen lassen, erneut aufrühren.
  3. Erste Lage ~7 mm aufziehen, Gewebe einbetten (Überlappung 10 cm).
  4. Zweite Lage ~8 mm frisch in frisch auftragen, plan abziehen.
  5. Nach Ansteifen filzen oder glätten. Langsam trocknen lassen (Zugluft/Hitze vermeiden).

Bauzeit: 1–2 Tage inkl. Trocknungsphasen. Material: ~28–45 € m-2 (je nach PCM-Gehalt), exkl. Arbeitszeit.

Hinweis: Nicht auf dauerfeuchten Untergründen anwenden; in Bädern Spritzwasserbereiche (Dusche) aussparen oder mit geeigneten Oberflächen schützen.

Pro / Contra

Aspekt Pro Contra
Sommerkomfort Spitzen werden geglättet Wirkt nur im Phasenbereich (z. B. 22–26 °C)
Winterbetrieb Nimmt Solar- & interne Gewinne auf Zu geringe Gewinne → Effekt kleiner
Gesundheit Diffusionsoffen, feuchteausgleichend Höheres Gewicht, statisch prüfen bei schwachen Untergründen
Kosten Keine Betriebskosten, keine Wartung Materialpreis über Standardlehm
Design Feine Oberflächen, farbig lasierbar Direkter Schlag-/Stoßschutz wie bei Putz üblich

Smart ergänzt: Sensorik & Lüftungsstrategie

  • Temperatur-/Feuchtesensoren im Raum steuern automatische Nachtlüftung (Fensterantrieb oder KWL).
  • Beschattung (Außenjalousie) ab ~24 °C Innenluft aktivieren – so bleibt das PCM für die Mittagszeit „frei“.
  • Datenlogging (Home Assistant, Matter): Vorher/Nachher-Analyse zeigt tatsächliche Effekte und Optimierungspotenziale.

Pflege, Reparatur & Oberflächen

Lehmoberflächen können trocken gereinigt oder leicht feucht abgewischt werden. Kleine Schäden werden mit derselben Mischung ausgebessert. Lasuren auf Ton- oder Kaseinbasis erhalten die Diffusionsoffenheit.

Nachhaltigkeit

  • Mineralische Matrix aus Lehm, regional verfügbar, niedrige graue Energie.
  • PCM-Quelle: Paraffin (Nebenprodukt) oder biobasierte Wachse; EPDs einzelner Hersteller verfügbar.
  • Langlebig & rückbaubar: Putz ist reparabel; Trennung der Stoffe am Ende des Lebenszyklus möglich.

Häufige Planungsfragen

  • Funktioniert das an Nordwänden? Ja, wenn interne Gewinne (Personen, Geräte) vorhanden sind und Nachladung nachts möglich ist.
  • Wie dick ausführen? 12–16 mm sind ein guter Kompromiss aus Speichermasse, Trocknungszeit und Gewicht.
  • Geht das auf Gipskarton? Mit geeigneter Haftbrücke und Tragfähigkeit ja; Systemaufbau des Herstellers beachten.

Zukunft: Phasenwechsel-Farben & 3D-Speichermodule

  • Dünnschicht-PCM-Farben für Bestandswände (1–2 mm) als Ergänzung zu Lehmfeinputzen.
  • 3D-gedruckte Lehm-Elemente mit Hohlraumstrukturen für höhere spezifische Speicherkapazität bei gleichem Gewicht.
  • KI-gestützte Lüftungslogik, die Wetterprognosen nutzt, um die „Lade-/Entladezeiten“ des PCMs optimal zu steuern.

Fazit: Passive Behaglichkeit mit Langzeiteffekt

PCM-Lehmputz ist ein leises Upgrade für Räume, die im Sommer überhitzen und im Winter sprunghaft heizen. Er kostet keine Betriebsenergie, braucht keine Wartung und verbessert spürbar das Raumklima. Starten Sie dort, wo Überhitzung am stärksten ist (Schlaf- oder Südzimmer) und kombinieren Sie den Putz mit konsequenter Nachtlüftung und außenliegendem Sonnenschutz. So holen Sie das Maximum aus jeder Putzschicht heraus.

CTA: Planen Sie ein Projekt? Erstellen Sie eine einfache Raum-Bilanz: Grundfläche (m2) × 0,8 = empfohlene PCM-Putzfläche (m2). Mit diesen Zahlen kann Ihr Fachbetrieb oder Sie im DIY die richtige Menge und den passenden Schmelzpunkt wählen.